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Getarnt unter der Erledigung wichtiger, stadtspezifischer Aufgaben habe ich mir gestern einen Tag geschenkt – nur ich und sie. Wir haben uns schon wieder viel zu lange nicht richtig gesehen, glücklicherweise, denn dann bekomme ich immer dieses aufgeregte Herzklopfen – soviel zu sehen! Soviel los! Für einen Tag wirkt das wie Adrenalin auf mich, ich bin überwältigt von der Menge, dem Gewusel, den Geräuschen. Ich laufe altvertraute Wege ab, muss keinen Gedanken an die Orientierung verschwenden und kann ganz eintauchen. Als ich noch in der Stadt lebte habe ich das am liebsten mit Kopfhörer in den Ohren gemacht- meinen eigenen Soundtrack über den realen Klangteppich gelegt, alles durch diesen meinem Geschmack angepassten Filter wahrgenommen. Die Welt zu meiner Musik tanzen lassen.

Gestern hat es nicht gewirkt. Kein Tanz, kein Leben, alles in gedeckten Farben.

Dann hab ich die Stöpsel rausgenommen – da war es, das Gequietsche, Geschrei, Gemurmel, von allen Seiten gleichzeitig, jeder Ton versprach eine Geschichte, die interessant sein könnte wenn man ihr nur folgt, aber gleich zupft der nächste Schrei am Ohr. Und man lässt es bei der Versuchung und hört sich die nächste an. Ich bin ohne Musik weitergelaufen und habe mich dabei langsam aufgefüllt wie ein Dynamo am Fahrrad, ich habe gestrahlt, mein Herz hat glücklich gepocht, es war die kleine Alltagsversion vom Nirwana. Für ein paar Stunden.

Wie oft bin ich schon zu jemandem ins Auto gestiegen, die Tür geht zu, der Wagen fährt los, der Fahrer fädelt in den Verkehr ein –  und dann fragt er mich „Und wo müssen wir jetzt lang?“.

„Du fragst mich wo wir lang müssen?“ „Du weißt doch wo es ist.“ „Ja, aber ich fahre nicht mit dem Auto.“ „Aber du wirst doch wissen wie man mit dem Auto dort hin kommt?“

An dieser Stelle entsteht immer eine kurze Pause, weil ich erstmal überlege wie oft zur Hölle ich eigentlich schon in dieser Situation war, und warum zum Teufel der eigentlich recht intelligenten Person neben mir die mangelnde Kausalität in ihren Überlegungen nicht auffällt.

Was soll man darauf eigentlich antworten? „Gottes Hand wird sich vom Himmel senken, unser Auto aufheben und am anderen Stadtende wieder sanft zu Boden setzen.“ „Wir könnten in die U-Bahn-Station runterfahren und den Gleisen folgen.“ „Dann fahren wir erstmal in die Stadtmitte, das ist zwar die falsche Richtung, aber von da geht der Bus 32, und wenn wir die Strecke abfahren sollten wir in einer Stunde da sein.“

Stadtbewohner ohne Auto wissen meistens nicht, wie man per Auto irgendwohin kommt, selbst wenn sie diesen Ort regelmäßig oder gar täglich aufsuchen. Das liegt daran, dass U-Bahn-Linien nicht oberirdisch verlaufen. Und daran dass oberirdisch fahrende Busse und Trams selten den direkten Weg wählen. Wenn Autofahrer Stadtbewohnern anbieten, sie irgendwohin mitzunehmen, sollten sie entweder selbst den Weg kennen, bereit sein hinter einem Bus her sinnlose Schleifen zu fahren oder eine große Experimentierfreude mitbringen, dann nämlich, wenn der  Stadtbewohner versucht, sich mit Himmelsrichtungen und Wegmarken durch die Straßen der Stadt zu schlagen.

Ich persönlich biete immer zuerst die Parkplatzsuche und DANN den Himmelsrichtungsorientierversuch an. Um ganz klar zu machen, dass ich selbst dass auch zum ersten Mal mache. Trotzdem saß ich schon neben so manchem Fahrer, der während der Fahrt alle möglichen Gefühlsindikationsfarben annahm: zornrot, giftiggrün, schwarzgeärgert. Einbahnstraßen, Sackgassen, Abbiegen verboten und gleich auch noch unmöglich gemacht, aus Versehen auf den Autobahnzubringer gefahren – es gibt so viele Wege, die nicht nach Rom führen.

Aber ich bin ja auch selbst Schuld, denn seit Jahren vergesse ich auf die Frage „Soll ich dich mitnehmen?“ mit „Ja, aber nur wenn du den Weg selbst kennst.“ zu antworten.

Eine meiner Freundinnen kannte und liebte kurzzeitig jemanden, der sich mal in einer Telefonzelle verlaufen hat. Telefonzellen und ich, wir hatten bisher noch nie Orientierungsprobleme miteinander (dafür andere: Kein Hörer. Dreck am Hörer. Kaugummi am Hörer. Körperausscheidungen am Hörer. Was geht, das geht). Ich habe fast ausschließlich Probleme mit Straßennamen. Eine mir unbekannte Adresse kann ich mir nur für Bruchteile von Sekunden merken, noch wenn ich die gesuchte Strasse endlich glücklich gefunden habe ziehe ich auf dem Weg zur richtigen Hausnummer ein halbes Dutzend Mal den mittlerweile sehr abgegriffenen Notizzettel aus der Hosentasche, um Schritt für Schritt zu kontrollieren ob ich in die richtige Richtung gehe. Wirklich merken kann ich mir die Adressen dann auch nur für einen begrenzten Zeitraum, denn bei übermäßiger Vertrautheit gehen diese bedeutungsvollen Buchstaben- und Zahlenkombinationen genauso verloren wie die deutschen Grammatikregeln – sie alle wandern irgendwann vom Gedächtnis in den Instinkt, eine lange Karawane ins Nirvana des Unterbewusstseins.